Ersatzverkehr 2002...und rechts die malmenden Irrfelsen

Bemerkungen zum Stück


Die Stadt ist eine Idee. Sie ist steinener Ausdruck des Gedankens, was Gesellschaft ist. Motor der Zivilisation, indem sie Gegensätze auf engem Raum vereint, dadurch Energien frei setzt. Gleichzeitig stumpft sie ab, lässt den Einzelnen sinnliche Hornhaut entwickeln um Lärm, Geschwindigkeit und Durcheinander nicht über die alltägliche Organisation siegen zu lassen. Wenn wir jedem Eindruck folgen würden, wären wir nach wenigen Tagen am Ende. Sie ist Projektionsfläche für Wünsche, Träume, Ort der Desillusionierung und Trostlosigkeit.
Kein Stück Natur kann jemals so deprimierend sein, wie eine Kreuzung mit Auffahrt zur Stadtautobahn.

Die Individualität der Bewohner, die zuerst ins Auge fällt, rückt in den Hintergrund und die Konformität, die die Stadt produziert, wird deutlicher. Sie führt in "Ersatzverkehr" zu einer Dramaturgie der Doppelgänger, die sich durch das Stück zieht und wie die Städte selbst, gerät auch hier die Welt immer ähnlicher, scheint überschaubarer und doch mysteriöser. Die städtische Kultur ist, mit Ausnahme einiger leerer Flecken, auf dem gesamten Planeten auf dem Vormarsch: Berlin, Rotterdam, Düsseldorf, Dublin, München, Istanbul, London, Moskau, Los Angeles, Shanghai, Singapur, Lagos, Buenos Aires. Wir beobachten an uns, wie wir einer neuen Stadt begegnen, mit welcher Aufmerksamkeit wir Details aufnehmen und vergleichen dies mit unserer Haltung in der eigenen Stadt. Dabei fällt auf, wie durch den Alltag blinde Flecken entstehen, wie ein Bild an der Wand, das nach sieben Jahren an der gleichen Stelle, unsichtbar und vergessen wird. Ein Wechsel der Perspektive hilft diese Flecken wieder zu finden und "Ersatzverkehr" ist ein solcher Wechsel.

Physikalisch, da der Bus sich durch verschiedene Gebiete bewegt und auch dramaturgisch, weil er Orte in Beziehung mit Texten und Figuren setzt, die sich reiben, Fragen aufwerfen, neue und oft komische Sinnzusammenhänge schaffen. Wie sehr der Zufall mit regiert, ungeplante Ereignisse auf der Strasse sich mit dem Text verbinden, ist unvorhersehbar und Bestandteil dieser Arbeit. Der Zuschauer kann mit den Augen der verschiedensten Figuren auf die Stadt blicken und sich mit ihnen auf eine Reise der Homage und des Scheiterns, der Unterhaltung und Hinterhältigkeit begeben und erleben, wie viele Gesichter die Liebeserklärung an "die Stadt" hat.

Mit historischer Regelmäßigkeit lösen sich die Ideenentwürfe der Gesellschaft auf. Eine 94 Jahre alte Dame hätte z.B. einen Hauch Gründerzeit erlebt, die Moderne der 20er Jahre, die Planungen des Nationalsozialismus, die völlige Zerstörung durch die Bomben, die sogenannte "Stunde Null" und den Wiederaufbau, der bis Heute allgegenwärtig ist, sowie alle folgenden architektonischen Modelle. Aufbruch und Kollaps im Takt von 15-20 Jahren. Mit lokalen Abweichungen, denen wir in "Ersatzverkehr" durch jeweils eigens für jede Stadt entwickelte Textversionen und Routendramaturgien Rechnung tragen, gleichen sich die Entwicklungen der Orte. Insofern ist "Ersatzverkehr" eine Recherche über "die Stadt", wie auch über, Düsseldorf, Berlin und München.


Am Anfang dieser Arbeit stand keine theoretische Überlegung, sondern die alltägliche Beobachtung. Das Stück stellt nicht den Anspruch, eine Architekturhistorie zu entwerfen. Es verstärkt die Wechselwirkung zwischen festen und losen Bestandteilen unseres täglichen Lebens. Steinen und Träumen. Berlin Friedrichshain. Kein homogenes, gewachsenes Gebilde, sondern ein Ort der Utopien, ihrer Verwerfung. Rationalität und Irrationalität erlebt man beim Wechsel der Strassenseite. Die Mietskasernen einer auf dem Reisbrett entstandenen Arbeiterstadt mit ihren verwahrlosten Hafenanlagen an der Spree. Von Uferpromenade keine Spur. Der Krieg, der sich als innerstädtische Brache manifestiert. Jedes Ensemble in diesem Gebiet und selbst das Fehlen eines Ensembles, erzählt vom Versuch und vom Scheitern. "Arbeiterpaläste" des Sozialismus, für Arbeiter ohne Arbeit. Verwüstung im Krieg. Aufschwung Ost mit Leerstand der Abschreibungsobjekte. Was bleibt, einmal abgesehen vom Zuzug von Studenten, Kneipen und vietnamesischen Geschäften wegen der niedrigen Mieten und dem Bewußtsein dieser Lücke? Ich habe dort 5 Jahre gelebt und jeden Morgen meinen lokalen Zigarettenhändler fünf Stockwerke tiefer aufgesucht. Ich wurde kein einziges Mal gegrüßt; obwohl ich jeden Tag die selbe Sorte bestellte, mußte ich immer sage, welche ich wollte; jeden fünften Tag war die Sorte ausverkauft.

Vielleicht war es die falsche Marke? Gibt es dort so etwas wie Gesellschaft? "Ersatzverkehr" ist der Versuch das Gebiet, das die eigene Stadt ist, emotional zurück zu gewinnen. Die Stadt als Illusion, der Humor des Grotesken sind die Erlebnisse, zu denen "Ersatzverkehr" führt. So verschieden die Orte des Geschehens innerhalb einer Stadt sein mögen, so verschieden die Städte selbst sind, so sehr gleichen sich die Gesetzmäßigkeiten. Wir haben diese Orte der Illusion und der Groteske in allen Städten gefunden.

Lajos Talamonti