Ersatzverkehr 2002...und rechts die malmenden Irrfelsen
Fahrtüchtig
Schon schnappt die Türe zu. "Willkommen bei der exklusiven Stadtrundfahrt!", lächelt die Reiseleiterin ins Mikrofon: Es gibt kein Zurück. Denn die Bretter, die die Welt bedeuten, haben sich in den Flusenteppich eines Reisebusses verwandelt. Und die Welt in eine Attrappe, die im Abend versinkt.
Schwankend bahnt sich Bus und Begleiterin den Weg durch München. München? GasteigMüllerschesVolksbadRiegerpelzeStachusObelisk. Schon verliert sich die Reiseleiterin im Datenstrom. Dann geht sie ganz verloren. Und mit ihr die Orientierung. Die irrwitzige Fahrt im verrückten Reisebus zersägt das Stadtbild. Isator? Paul-Heyse-Unterführung? Lenbachplatz? Namen, die keinen Ort mehr bezeichnen, sondern nur noch Zustände. "Was macht uns so ruhelos streunen, uns so verzehren?", deklamiert ein neu Zugestiegener. Draußen wird's dunkel. Wer verkehrt mit wem? Und was passiert? Je weiter sich das Speilmobil vom Stadtkern entfernt, desto loser werden die ursprünglichen Bindungen. Neue Geschichten entstehen. Die Akteure verschwinden in der Dämmerung. Wenn sie wieder auftauchen, stehen sie verwandelt da, verrückt.
Regisseur und Stückeschreiber Lajos Talamonti versteht Ersatzverkehr als "Versuch, die eigene Stadt emotional zurückzugewinnen". Das ist ihm streckenweise hervorragend gelungen. Sein fröhliches Quartett zieht aus, die Metropole erzählend zu erobern. Mal mit Karte und Keyboard in der Hand, mal hysterisch-schreiend, dann wieder im hohen Ton der Odyssee. Das Quartett hat seine Rollen perfekt einstudiert: überdreht Verena Unbehaun als Stewardess Nr.1, grandios Bettina Scheuritzel als Stewardess Nr.2, grell Martin Clausen im Gefolge von Gerhard Polt und feinsinnig Regisseur und Darsteller Lajos Talamonti. So schlingert die Tour durch die Stadt.OLIVER HERWIG.
© Süddeutsche Zeitung, 22.07.02
Zwischen malmenden Irrfelsen
"Ersatzverkehr": Eine Stadtrundfahrt als PerformanceDer Stadtplan, den man in die Hand gedrückt bekommt, ist ein bisschen verwirrend: Da liegt Schwabing nicht weit vom Prenzlauer Berg, und von Harlaching nach Düsseldorf muss man nur die Isar (oder Spree oder Rhein?) überqueren. Das scheint auch die adrette Reiseleiterin (Verena Unbehaun) zu irritieren, die 48 Bus-Passagieren Münchens architektonische Schönheiten preist. Sie schnurrt ihren Text mit atemberaubenden Tempo runter - nur passt er nie zu dem, was man draußen sieht. Immer verzweifelter wird ihre Fröhlichkeit, bis sie aussteigt, um sich zu orientieren. Der Bus fährt ohne sie weiter und gabelt einen jungen Mann (Martin Clausen) mit Keyboard auf, der singend und schwadronierend von Tourismus über Kriegsschrott zu den malmenden Irrfelsen aus der "Odyssee" springt.
"Ersatzverkehr 2002 - und rechts die malmenden Irrfelsen" nennt Lajos Talamonti diese etwas andere Stadtrundfahrt, die er für das Festival Theater der Welt inszeniert hat. Sie ist eine Reflexion über die Stadt als Idee, als Vision, als Ort der TRäume und der Desillusionierung. Die Irrfahrt durch Industriebrachen, Tunnels, Parkplätze erzwingt einen neuen Blick auf die alltägliche, vertraute Umgebung und deren soziale Realität. Und die absurde Bus-Performance mit einer Mumie als blindem Passagier (Talamonti) und einer zweiten blonden Reiseleiterin (Bettina Scheuritzel), die stets unerwartet an irgendwelchen Straßenecken auftauchen, spielt raffiniert mit Verstörung und Verunsicherung.GABRIELLA LORENZ
© Münchner Abendzeitung, 20./21.07.02